Danke Christian Keller!

An der nun leider abgesagten Mitgliederversammlung wäre der letzte offizielle Auftritt von Christian Keller geplant gewesen. Grund für uns, noch einmal auf die letzten 8,5 Jahre zurückzublicken und vor allem Danke zu sagen!

Dass wir Christian Keller zu seinem Abschied als eine der wichtigsten Personen der jüngeren Vereinsgeschichte feiern würden - auch das gehört zu einer Betrachtung auf die gemeinsame Zeit - war lange sicher nicht abzusehen. Als er nach dem Zweitligaabstieg 2013 zum SSV Jahn kam, war das Misstrauen groß. Ein promovierter Hochschullehrer mit Beratervergangenheit ohne nennenswerte Erfahrungen sollte unser über Jahre schlingerndes Schiff wieder auf Kurs bringen? Dazu die üblichen Versprechungen von wirtschaftlicher Konsolidierung, Vertrauen zurückgewinnen und sportlichem Erfolg nach einer Übergangsphase der Erneuerung, alles das eben, was man die 10 Jahre zuvor auch aus verschiedenen Mündern der damals zahlreich wechselnden Verantwortlichen gehört hatte. Nein, das Vertrauen in diese Personalie war nicht gerade hoch.

Das erste Jahr in der Saison 2013/2014 verlief noch einigermaßen ruhig. Die Mannschaft rund um ein Korsett aus der Aufstiegself 2012 und erfolgreich im Zweitligaabenteuer integrierten Spielern funktionierte mehr oder weniger und wurschtelte sich durch eine Saison im Mittelmaß. Der eloquent auftretende Trainer Thomas Stratos erfreute sich großer Beliebtheit und so akzeptierte man das Übergangsjahr ohne großes Rumoren. Das kam jedoch Richtung Saisonende auf, als klar wurde, dass der Trainer und auch ein beträchtlicher Teil der Mannschaft zur neuen Saison ausgetauscht würden. Jahre später konnte man manche der damals getroffenen Personalentscheidungen durch das ein oder andere Gespräch nachvollziehen, damals löste das alles mindestens große Verwunderung aus. Zur neuen Saison kamen eine Reihe von hochgepriesenen Spielern, denen man eine großartige Zukunft voraussagte, mit Alexander Schmidt ein neuer Trainer und mit Stephan Loboué der Kapitän vom geliebten SV Wacker, der uns im Vorjahr noch wie ein Großer provozierte. Der Ausgang ist bekannt. Es folgte eine Saison der Selbstzerstörung auf allen Ebenen. Eine Mannschaft, die sich zumindest in der Hinrunde eher als Thekentruppe präsentierte, ein Trainer, den man lieber schnell wieder vergisst, und eine Markenkampagne, die in Zeitpunkt und mit ihrer aufgesetzten Dialektnote kaum unglücklicher hätte sein können. Gerade die Hinrunde, die im Platzsturm in Unterhaching, dem anschließenden Weihnachtsfeierbesuch und dem Bruch mit dem erst vor wenigen Wochen installierten neuen Trainer Christian Brand gipfelte, war wohl das Negativbeispiel im Zusammenwirken zwischen Vereinsoffiziellen und der aktiven Fanszene, die längst den Kopf des Hauptverantwortlichen forderte: Christian Keller. Sicher muss man mit dem heutigen Wissen auch einige Aktionen aus der damaligen Zeit von unserer Seite kritisch hinterfragen. Auf der anderen Seite war der Zustand des Clubs derart desaströs, dass es eigentlich keine Alternative zum radikalen Protest zu geben schien.

Es ist nun nicht unsere Absicht an dieser Stelle noch einmal aufzuarbeiten, was damals schief lief, doch ist es wohl wichtig, zu verstehen, was später derart herausragend werden konnte. Bereits in der letztlich aussichtslosen Rückrunde 2015 kam es zu ersten Annäherungen zumindest eines Teils unserer Gruppe. Zunächst einmal wurden einige Fehler aus dem Sommer korrigiert und durch einige Wintertransfers eine Mannschaft zusammengestellt, die die von uns eingeforderten Grundtugenden im Großteil der Spiele mitbrachte. Spieler wie Marvin Knoll, Markus Palionis oder Uwe Hesse sollten ja auch in der Folgezeit prägende Gesichter bleiben. Es waren aber vor allem zwischenmenschliche Momente, die wichtig waren. Das gemeinsame Schneeräumen vor dem Rückrundenauftakt gegen Borussia Dortmund II war ein solcher Moment, in dem sich Fans, Mitarbeiter und eben auch die Geschäftsführung um den ohnehin angesehenen Johannes Baumeister aber eben auch Christian Keller auf Augenhöhe begegneten. Das 3:0 gegen Dortmund war vermutlich der erste Sieg des Gemeinschaftsgefühls, das uns in der jüngeren Vergangenheit stark gemacht hat, auch wenn das damals noch nicht jedem bewusst war.

Es war wohl eine Summe an Erlebnissen und irgendwann auch Gesprächen, initiiert von Johannes Baumeister und den wenigen aus unseren Reihen, die damals noch an eine Zukunft glaubten, die die Wende brachten. Schritt für Schritt baute sich ein Vertrauensverhältnis vor allem zwischen unserer Führungsebene und Christian Keller auf. Sicher - so ehrlich muss man auch sein - war auch der sportliche Erfolg der Folgejahre allem zuträglich. Die Basis dieser Erfolge war nun das Miteinander. Dortmund war der Anfang, das Auswärtsspiel in Burghausen sicherlich ein Knotenlöser. Bei diesem Spiel wurde allen Seiten klar, was wir erreichen können, wenn wir es gemeinsam tun. Auf dieser Welle schweben wir bis heute. Gerade in schwierigen Momenten, ob beim Heimspiel gegen Mainz II, nach dem vielzitierten 2:5 gegen Heidenheim oder letzten Sommer gegen St. Pauli. Wenn es darauf ankam, war der Zusammenhalt am Größten. Die Basis dafür war ein immer größer gewachsenes Konstrukt des Vertrauens hinter den Kulissen. Es ist nicht so, dass wir nach 2015 nicht mehr gestritten haben. Im Gegenteil. Die Liste war lang. Über Eintrittspreise, Topspielzuschläge, übermäßige Bandenwerbung, Sponsorenaktionen auf der HJT oder zuletzt die Abschaffung der Barzahlung diskutierten wir oft bis tief in die Nacht. Was wir uns aber in dieser Zeit geschaffen haben, war eine respektvolle Streitkultur, die von Vertrauen, Vertraulichkeit und ehrlicher gegenseitiger Wertschätzung der Positionen und Personen am Tisch gegenüber geprägt war und die wir vermissen werden!

Im Laufe der Zeit stellte sich vor allem heraus, womit wir anfangs überhaupt nicht gerechnet hatten beim promovierten Hochschullehrer mit Beratervergangenheit. In den ganz wesentlichen Fragen waren und sind wir immer einer Meinung gewesen: "50+1" ist unverhandelbar, die Entwicklung des überkommerzialisierten Fußballes geht in eine vollkommen falsche Richtung und Fußball muss für alle da sein. Und gerade in diesen Bereichen zeigen sich die aus unserer Sicht größten Erfolge der Ära Keller. Allen voran steht natürlich die Verhinderung des Investoreneinstieges von Philipp Schober und seinem Umfeld und dem damit verbundenen Rückkauf der Vereinsanteile. Es dürfte wohl ein einmaliger Vorgang im Profifußball sein, dass der Mutterverein bereits veräußerte Anteile wieder in den Vereinsbesitz zurückholte. Aus unserer Sicht der größte Erfolg von Christian Keller.

Es ist nicht der einzige Punkt, der sich in der Verantwortung von Christian zum Positiven gewendet hat. Das Stadion heißt wieder Jahnstadion, die Hans Jakob Tribüne wurde als Raum der Fans vermarktungsfrei und "50+1" wird nicht mehr hinterfragt, sondern wurde im Verein zementiert. Christian Keller würde auf diese Errungenschaften jetzt antworten, dass es nicht seine Erfolge seien, sondern die aller Beteiligten. Natürlich haben viele Mitarbeiter oder Fans einen nicht unerheblichen Anteil an diesen Themen. Doch sie wären niemals in dieser Weise so erfolgreich gekommen, wenn nicht jemand vorne im Wind gestanden wäre, der sie aus voller Überzeugung vertritt.

Und so bleibt das große Vermächtnis von Christian Keller neben den in den letzten Wochen medial viel thematisierten sportlichen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Erfolgen vor allem Haltung, ein gesundes Wertebild und ganzheitlich auf den Verein zu blicken mit all seinen "Anspruchsgruppen", wie Christian Keller sie gerne bezeichnet. Es ist ihm gelungen, vielen Menschen - auch uns - den Blick zu weiten und das gesamte Denken im Verein in eine konstruktivere und nachhaltigere Richtung zu lenken. Der Anteil derer die heute über den Erfolg/Misserfolg des letzten und nächsten Spieltages hinaus denken, ist in allen Bereichen des Clubs gewachsen. Die Stimmen, die lieber einen Wunderstürmer holen oder nach einer schlechten Halbzeit den Trainer fliegen sehen wollen, als die langfristige und nachhaltige Entwicklung im Auge zu behalten, ist deutlich kleiner geworden, vor allem an den wichtigen Stellen.

In einer Zeit, in der wir aktive Fans aufgrund der miserablen Entwicklungen des Profifußballs gerne im "Früher war alles besser!"-Modus unterwegs sind, müssen wir uns vor Augen halten, dass dies mit Blick auf die letzten 8,5 Jahre sicher nicht gilt. Unser Verein steht heute auf einer ganz anderen Wertebasis, auf einem soliden wirtschaftlichen Fundament ohne sich selbst zu verkaufen und natürlich auch sportlich gut da, wie selten in den über 130 Jahren Vereinsgeschichte. Diese geschaffene Basis zu bewahren ist nun nicht nur die Aufgabe der Nachfolger von Christian, sondern des ganzen SSV Jahn. Das Schiff ist nun auf dem richtigen Kurs, lasst es uns nie wieder davon abbringen!

Dass es auf Kurs ist, ist dein Werk, Christian! Dafür gebührt dir aller Dank und aller Respekt! Als diejenigen, die nichts weniger nachvollziehen können, als einem anderen Club als dem ruhmreichen Sport- und Schwimmverein zu dienen, fällt es uns schwer, dir viel Erfolg für deine berufliche Zukunft zu wünschen. Wir können aber festhalten, dass ein von Christian Keller geführter Traditionsverein die Chance auf gute Entwicklungen im deutschen Profifußball größer werden lässt, als wenn kein Club von Christian Keller geführt wird. In jedem Fall wünschen wir dir, Christian, alle Gesundheit und alles Glück für deine Zukunft! Das Karussel wird sich weiterdrehen, aber die Spuren, die man hinterlassen hat, werden bleiben.

Danke Christian!